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Meine Entwicklung als KomponistFotographin: Sonja WernerFotographin: Sonja Werner

Mit dem Zusammensuchen von Tönen und Klängen und dem Versuch, sie in eine sinnvolle Anordnung zu bringen, begann ich zwar schon als Kind, jedoch fehlte mir damals die Geduld, Begonnenes auch tatsächlich zu einem Abschluss zu bringen. Zu groß klaffte die Lücke zwischen Anspruch und Können. Da war es leichter, sich in bereits bestehende Stücke einzufühlen und sie auf den Tasten des Klaviers zum Klingen zu bringen. So konzentrierte ich mich – auch unter anleitender Prägung des Elternhauses – zunächst auf die Ausbildung als Pianist.

Erst später, mit den ersten Theoriefächern des Musikstudiums (Satztechnik, Kontrapunkt, Gehörbildung), brach das schlummernde Interesse am „Tönesetzen“ hervor. Stunden verbrachte ich beim Ausarbeiten – oft selbstgestellter - zweistimmiger Kontrapunktaufgaben (Sudoku war damals noch unbekannt – mir zumindest!), die sich dann oft schon zu kleinen Kompositionen auswuchsen.

Mit 18 Jahren schrieb ich mein erstes eigenständigeres Werk: eine sehr lange, sehr schwer zu spielende Variationsfantasie für Violine und Klavier, die noch stark von romantischem Klang und romantischer Harmonik geprägt war. Mit einer kurz darauf folgende Violinsonate bewegte ich mich schon auf postromantisch-impressionistischem, nachregerschen Terrain. Besondere Anregung auf dem Gebiet der Form war mir der französisch-belgische Komponist César Franck gewesen.

Ein großes Glück war für mich die Begegnung mit der Organistin-Komponistin Karen de Pastel, bei der ich die Fächer „Klavierpraktikum“ und „Orgel für Pianisten“ an der Musikuniversität in Wien belegte. Karen de Pastel zeigte großes Interesse an meinen Kompositionsversuchen, ließ sie sich vorspielen und sprach sie immer wieder mit mir durch. Dank ihr waren meine nächsten Werke für Orgel, „Chaconne über ein Thema von César Franck“ und ein Orgelpräludium. Beide Stücke marschierten unaufhaltsam in Richtung Moderne, letzteres mehr noch als ersteres, da es rhythmisch wesentlich interessanter und abwechslungsreicher ist.

Dann begegnete ich dem so völlig anders gearteten Tintinnabuli-Stil von Arvo Pärt, dessen tiefe Spiritualität eine ungeheure Wirkung auf mich ausübte. Meine Kompositionsskizzen zeigten eine radikale Kehrtwende, verließen die nachromantische Komplexität und Leidenschaft, versuchten sich in Kargheit und Askese, objektiven, sich selbst tragenden Strukturen. Aus dieser Zeit stammt „Stille ist Klang ist Stille...“ für Violine und Klavier, im Nachhinein betrachtet der geglückteste Versuch, wenn auch stilistisch nicht eigenständig.

Ich begegnete aber auch der Musik von Olivier Messiaen, die aus den gleichen Gründen (nämlich wegen ihrer inneren Spiritualität) so stark auf mich wirkte. Erst die Übersiedlung nach Köln im Winter 2003 brachte eine tiefere Beschäftigung mit seinen stilistischen Eigenheiten auf einer technischeren Ebene mit sich, welche mir im Gegenzug auch ein tieferes Verständnis ermöglichte. In Köln bekam ich dann auch die Gelegenheit zum Tonsatzstudium bei Friedrich Jaecker, parallel zum Klavierstudium bei Klaus Oldemeyer. Dort lernte ich neben den „Klassikern der Moderne“ auch die interessanten Außenseiter des 20. Jahrhunderts kennen: Charles Ives, Giacinto Scelsi, Morton Feldman, Harry Partch.

So festigten sich die kompositorisch-musikalischen Grundlagen, auf welchen meine Musik aufbaut.

 

 

Mein Ansatz als Komponistdie erste Partiturseite meines Stückes "Joie"die erste Partiturseite meines Stückes "Joie"

Ich kann nicht behaupten, einen bestimmten Stil entwickelt zu haben oder eine eigene, persönliche Ästhetik zu verfolgen. Beide sind zeit- und personen/sönlichkeitsgebunden, was für mich eine Einengung der musikalischen Entfaltungsmöglichkeiten bedeutet. Daher greife ich verschiedene Arten von Stilistiken auf, je nach Beschaffenheit des musikalischen Materials und der in ihm wohnenden Entwicklungsmöglichkeiten. Hat ein Stück beispielsweise ein Hauptthema, so ist es nicht möglich, damit einen rein mikropolyphonen Satz zu gestalten und umgekehrt. Wohl aber ist es möglich, den thematisch gebundenen Satz im Rahmen einer bestimmten Entwicklung in einen mikropolyphonen zu transformieren.

Der Entscheidung, auf einen ausgeprägten Personalstil und eine eigene Ästhetik zu verzichten, liegt die Erkenntnis zu Grunde, dass jede Art von Musik auf zwei Elementen aufbaut: Klang und Rhythmus. Keines dieser beiden Grundphänomene kann ohne das andere existieren. In jedem Klang schwingt eine mehr oder weniger rhythmische Schwebung mit (je geräuschhafter, umso chaotischer) und Rhythmus ohne klangliche Grundlage (Geräuschquelle) ist physikalisch unmöglich. Dies ist freilich zunächst einmal die technische Grundlage der Musik.

Die geistige Dimension der Musik ist ...anders.

So ist das Komponieren für mich im weitesten Sinne eine Art Geisteserforschung. Und eine Forschungsreise über Jahre und Jahrzehnte mit offenem Ende...

 

zeitKlang

Im Frühjahr 2012 beschlossen ein paar ehemalige Studienkollegen und ich, zusammen eine Komponistengruppe zwecks gemeinsamer Aufführungsplattform zu gründen. Anfang des Jahres 2013 setzten wir vier (Martin Brenne, Martin Jahnke, Andreas Winkler und ich) dieses Vorhaben dann in die Tat um und riefen die GbR „zeitKlang“ ins Leben, die wir Anfang 2015 in einen nicht eingetragenen, uneigennützigen Verein umwandelten. Im Jahr 2014 stieß dann noch Peter Land als fünftes zeitKlang-Mitglied zu uns dazu.

Was uns – bei aller Verschiedenartigkeit und Eigenständigkeit – verbindet, ist der Wunsch, ohne Seichtheit oder Anbiederung an den Publikumsgeschmack, gut aufführbare und hörbare Neue Musik zu schreiben, die sich gut anhören und rezipieren lässt.

In den vergangenen zwei Jahren haben wir in Köln und Nordrhein-Westfalen 13 Konzerte veranstaltet, wo wir nicht nur eigene Werke aufführten, sondern auch solche von anderen Komponisten. Es ist uns ein großes Anliegen, damit die Neue Musik einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und mitzuhelfen, sie aus ihrem Nischendasein herauszuheben.

 

 

Werkliste